Ein Abbruchhaus und sein Inhalt. Wie es dazu kam und was damit passiert/e.

Vor etwa zehn Jahren baute mein Freund ein Haus in der Nähe von München. Auf dem Nachbargrundstück stand, etwas deplatziert, ein baufälliges Häuschen. Es schien unbewohnt, doch eine alte Frau lebte bis vor sechs Jahren darin.

 

Angehörige meines Freundes haben das Grundstück diesen Sommer erworben, um neu zu bauen. Niemand interessierte sich für das alte Gebäude. Nur ich. Es sollte abgerissen werden. Selbst nach mehrmaligem Betreten des Hauses mit fünf kleinen Zimmern und Küche schauderte es mich: Modriger Geruch, überall Spinnweben, bröckelnder Putz, die Wendeltreppe brüchig, der Keller wie im Horrorfilm. Die Einrichtung im Stil zwischen den fünfziger und achtziger Jahren schien bis auf wenige Stücke komplett. Das Wohnzimmer dominierten zwei großflächige Fototapeten, rechts herbstlicher Wald, gegenüber Meer und Klippen, vermutlich Griechenland. Dutzende Fotoalben lagen herum. Ich untersagte mir, darin zu blättern. Kinderzeichnungen, hunderte verblichene Prilblümchen und Abziehbilder von Fußballern bedeckten die Wände. Persönliche Dokumente aus vergangenen Zeiten, niemandem hinterlassen. Alles war dunkel oder grau.

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Es war nicht zu fassen, warum ich an diesem Ort war. Vielleicht aus Neugierde. Der Boden, auf dem ich stand, war nicht schön, aber er trug die Geschichte des Hauses. Was genau mich dazu bewog, die etwa neunzig Quadratmeter Holzboden bergen zu wollen, konnte ich nicht sagen. Vorwiegend vier Meter lange Fichtenbretter, dreiundzwanzig Millimeter stark, Nut und Feder, vernagelt mit langen dicken Eisenstiften. Mit Kreissäge, Brecheisen und Hammer dauerte es zehn anstrengende Nachmittage. Jedes Zimmer musste geräumt werden. Es war Hochsommer, oft juckte mir die Haut – vermutlich Ungeziefer. Das Haus erhellte sich langsam, fast schien es sich zu beleben. Die Bedrückung ließ nach. Ich entdeckte etwas Schönes in manchen Möbeln und Lampen, in den Türen und in der Badewanne. Auch das verwitterte Holz des Schuppens und bemooste Gartenplatten gaben ihren Charme preis. Nach vier Wochen waren drei Tonnen Material geborgen, das ein neues Leben erwartete. Ohne das Haus hätte ich mir eine solche Tätigkeit nicht vorstellen können.

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Noch während das Haus zum Einsturz gebracht wurde fand das Gros der Materialien in einem neu gebauten Feriendorf (Meerleben Baugemeinschaft) an der Ostsee Verwendung. Der Architekt aus München hat eine Vorliebe für den Mix aus neuen und alten Materialien und beauftragte ein kleines Team mit Zimmererarbeiten. Ich widmete mich den patinierten Dielen, die in unterschiedlichen Farben gestrichen waren. Ein Teil der Bretter wurde wieder Boden, aus anderen entstanden Schranktüren, Sitz- und Fensterbänke. Die kurzen Verschnittstücke brachten mich dann auf die Idee, aus diesen und den in München verbliebenen Türen, Tische zu bauen. Ich verwende die Spolien (historische Baustoffe) auch, um uninteressante Möbel aufzumotzen –  pimp your furniture. Was das hässliche Häuschen hergab, schafft reizvolle Räume.

 

Vor einiger Zeit überfielen mich noch Gedanken, Samstag Rad aufzugeben. Nach unfruchtbaren Anläufen, mit Neuware neu anzufangen, bin ich froh, wieder Material mit Geschichte in Händen zu halten. Insofern hatte der Prozess der Zerstörung und Wiederverwendung auch positive persönliche Auswirkungen. Mit der Marke Samstag fasse ich jetzt die Bereiche „Fahrzeuge und Wohnobjekte“ zusammen. Ein Wagnis, das eine besondere Schnittstelle zwischen Handwerk, Kunst und Design schafft.

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Ich bin sehr gespannt, wohin die Reise geht und danke all jenen, die sie möglich gemacht und mir geholfen haben.                          

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