Baustelle Erde, Baustelle Mensch

Text: Christopher Lewis                  Fotos: Axel Öland

 

Wenn Mauern fallen, politische Systeme zusammenbrechen und aus Trümmern wieder Gebäude errichtet werden, wollen viele Menschen glauben, dass sowohl neue physische als auch geistige Räume entstehen. Leider bringt nicht jeder Abriss Besserung, geschweige denn etwas Sinnvolles mit sich. Oft wäre es besser, Bestehendes zu erhalten, manches auszutauschen und es so zu optimieren. Ein Prinzip, das in Friedens- wie in Kriegszeiten gleichermaßen Geltung hat.

Ob es sich bei den folgenden Fotos um eine friedliche Baustelle oder einen Kriegsschauplatz handelt, soll zunächst keine Rolle spielen. Sehr wahrscheinlich wurde die dargestellte Zerstörung bewusst herbeigeführt. Ob durch eine Abrissbirne, ein herabstürzendes Flugzeug oder Raketen, weiß der Betrachter nicht. Jedenfalls ist eine „Baustelle“ entstanden. Es gibt etwas zu tun und irgendwann wird aufgeräumt. Wann, das hängt entscheidend von der Bereitschaft von Menschen ab, etwas zu erneuern. Mehr noch hängt es aber von der sogenannten wirtschaftlichen Lage ab. Von Investitionen. Dass es sich dabei meistens um undurchsichtige Geschäfte handelt, bei denen es weniger um das Gemeinwohl von Menschen als um Profite und Machtausbau von wenigen geht, ist ein Dilemma weltweit. Mittlerweile haben das zwar alle mitbekommen, dennoch ist nur eine Minderheit bereit, Verantwortung zu übernehmen und Alternativen aktiv umzusetzen. Scheinbar hat die Mehrheit sich damit abgefunden, dass es gar nicht um sie geht.

Solange es Menschen nicht um den Respekt vor dem Leben im Großen und Ganzen geht, muss es ihnen um etwas anderes gehen. Aufgrund dessen sind auf den Fotos keine Leute abgebildet. Und da Abbildungen, die lediglich Trümmer zeigen, wenige relevante bis keine Fragen aufwerfen, wurde als Platzhalter für den Menschen symbolisch ein Fahrrad gewählt. Genauer gesagt, ein restauriertes italienisches Rennrad. Mit diesem könnte fast jeder, der sich mit Balance auf zwei Rädern auskennt, sich frei und unabhängig bewegen und sportlich in alle möglichen, auch neue Richtungen lenken. Beispielsweise, um an der Gestaltung einer Wirtschaft nach ethischen Kriterien mitzuwirken.

Natürlich entsteht nicht überall, wo konstruiert wird, wirklich etwas, auf dem man langfristig und für die Zukunft aufbauen könnte. Gute Chancen werden leider oft vergeben. Etwa wenn eine alte Lagerhalle mit guter Bausubstanz abgerissen wird, die zu einer ungewöhnlichen Kindertagesstätte hätte umgebaut werden können. Aber weil damit kein Geld verdient wäre, bauen Investoren eine Immobilie, in der sich die Filiale eines Billigriesen für Klamotten wohlfühlt. T-Shirts für drei Euro, so wird das Label Fairtrade gleich mit plattgemacht. Das Schicksal meint es gut mit den Horden konsumsüchtiger Teenies, die sich vielleicht schon bald täglich Tonnen chemieverseuchter Wegwerfmode leisten „dürfen“. Und das Argument, Asylanten müssten schließlich auch etwas anziehen, zieht. Neubauten wie diese zeugen von einem Höchstmaß an Zynismus seitens aller Befürworter und Beteiligten des Baus.

Mindestens ebenso zynisch ist, dass fast alle der mehreren Tausend Teilnehmer der kommenden Weltklimakonferenz wieder mit dem Flugzeug und dem Auto nach Paris reisen werden. Das gleiche Spiel wie bei allen vorherigen Konferenzen. Mehrere Tage lang werden hochrangige Regierungsvertreter zwischen den Essenspausen über politisch gewichtige Trümmerhaufen lamentieren und versprechen, alles Notwendige zu tun, um vereinbarte Klimaziele zu erreichen. Sie werden lügen, denn den Interessen der den Planeten vertretenden NGOs stehen freilich in erster Linie wirtschaftliche Ziele gegenüber, und die müssen, ja wollen – alleine schon aufgrund geschickt ausgehandelter Klagemöglichkeiten von Konzernen – um jeden Preis erreicht werden. Dafür sorgen die Lobbyisten. Längst vereinbarte Klimaziele werden also, wie schon zuvor, verschoben und höchstwahrscheinlich auf der Strecke bleiben.

Moralisch betrachtet macht es bereits heute kaum einen Unterschied, ob Zerstörung durch Raketen oder wütende Tornados stattfindet. Seit Bekanntwerden der Effekte des Klimawandels sind im Grunde alle durch sogenannte Naturkatastrophen entstehenden Schäden bewusst von Menschen herbeigeführt. Dahinter steht ein ausbeuterisches Kollektiv uneingeschränkt konsumierender Klimawandelkritiker, die aufgrund stumpfsinniger Gewohnheiten auf nichts verzichten wollen. Alleine für diese Fähigkeit verdienen sie es, sich täglich mit unnützen Dingen zu belohnen.

Wir dürfen alle gespannt sein auf die Gesichter der Ausbeuter, wenn die Natur sich zurückholt, was eigentlich ihr gehört. Vielleicht sind die TISAs, CETAs & Co. bloß die perverse Vorstufe zu einer Weltordnung, in der man sie, die Natur, auf Schadenersatz verklagen kann. So ließe sich, völlig legal, endlich eine Welt schaffen, in der niemand schuldig ist: ein perfektes System, in dem Menschen sich selbst abschaffen, weil sie überflüssig sind. Wozu also, außer als Nachweis krankhafter Selbstüberschätzung, sollte man sie überhaupt auf Fotos abbilden, wenn es am Ende nie um Menschen ging?


Posted on November 23, 2015 .

Bewegende White Box

Text: Miriam Kuhnke              Fotos: Axel Öland

 

Wenn ich mit meinen Füßen in die Pedale trete, dann setze ich die Kurbel in Gang, welche wiederum mit ihren Zähnen die Kette in Bewegung setzt. Die Kette wiederum versetzt durch Übertragen der Kraft auf den Zahnkranz das Laufrad in Drehung. Das Rad fährt…

Wenn ich andererseits den am Lenker befindlichen Bremshebel ziehe, überträgt sich diese Energie auf einen Draht, durch den sich zwei Gummiklötze auf den Rand des Laufrades pressen. Das Rad kommt zum Stopp.

Die grundlegende Technik eines typischen Fahrrades in wenigen Worten dargestellt. Die einfache Technik eines Fahrrads kann eigentlich jeder durch aufmerksame Beobachtung nachvollziehen und verstehen. Wie faszinierend ist das denn?

In einer Welt mit wachsender Komplexität tritt dieses Phänomen immer seltener auf. Die Anzahl technischer Gerätschaften in unserem direkten Umfeld steigt und wir können uns ein Leben ohne sie immer weniger vorstellen. Auch und obwohl wir immer weniger in der Lage sind, diese Geräte und ihr Innenleben zu verstehen. Das beste Beispiel ist wohl das Smartphone als unser ständiger Begleiter. Es begleitet uns fast den ganzen Tag und soll uns mit vielen kleinen Apps in allen Lebensbereichen entlasten: Sei es, um mit der Außenwelt zu kommunizieren, sich schnell zu informieren, den richtigen Weg zu finden oder damit wir uns an Dinge erinnern. Es ist zu unserem „zweiten Ich“ geworden, als Unterstützung für den Körper, den Geist und so manche Seele. Doch was ist, wenn es selbst plötzlich seinen Geist aufgibt und keinen Mucks mehr macht, egal welchen Knopf wir drücken? Hilflosigkeit. Drama. Stress. Das Smartphone ist zum ständigen Berater und Unterstützer geworden und darauf verlassen wir uns. Doch wer kennt sich schon mit dem Innenleben und der Funktionsweise dieser kleinen Black-Boxes aus? Kaum jemand ist bei einer Störung in der Lage, die Technik und das, was in den Geräten geschieht, nachzuvollziehen oder gar zu reparieren. Vielen reicht das für einen Neukauf.

Black Boxen umgeben uns aber nicht nur bei technischen Geräten, die ihr Innenleben aufgrund der starken Komplexitätszunahme nur wenigen Menschen offenbaren. In der ganzen Welt lassen sich die Funktionsweisen und Verbindungen der verschiedensten Prozesse immer weniger einsehen, geschweige denn verstehen. Etwa in ökonomischen, politischen, ökologischen oder sozialen Prozessen. Denn mittlerweile hängt irgendwie fast alles miteinander zusammen. Man erinnere sich nur an die Finanzkrise, als eine geplatzte Immobilienblase in den USA die Welt in eine ökonomische und finanzielle Krise gestürzt hat. Aufgrund der unübersichtlichen Vernetzung von Banken. Ebenso widersprüchlich wie undurchschaubar sind die „richtigen“ Maßnahmen im Umgang mit dem Klimawandel: Alles zu komplex für den Einzelnen. Und daher ist es unmöglich, Auswirkungen oder Reaktionen vorauszusagen, wenn an einem bestimmten Rädchen im Prozess gedreht wird. Niemand kennt sich mehr aus. Im Grunde sind wir alle geprägt von einer Ohnmacht der Machtlosigkeit und schlängeln uns von einem alternativlosen Weg zum Nächsten. Die Balance ist in vielerlei Hinsicht verloren gegangen.

Ganz anders verhält es sich mit unserem treuen Fortbewegungsmittel, dem Fahrrad. Wenn wir darauf fahren ist die Balance auf wunderbare Weise wie von alleine hergestellt. Es ist wie eine Art verlängerte Beine und Arme für uns. Es steigert unsere Möglichkeiten mobil zu sein auf eine sehr angenehme Weise und bringt unser Leben ins Rollen. Anders als die undurchschaubare Black Box, die nur An oder Aus kennt, ähnelt das Fahrrad einer transparenten White Box. Das dafür notwendige technische Wissen erschließt sich fast jedem durch ausführliches Beobachten.

Ein Fahrrad auseinanderzunehmen, zu analysieren, es wieder zusammenzubauen und ihm als Unikat eine individuelle Form zu schenken, gibt uns ein Gefühl dafür, die Dinge in die Hand zu nehmen und zu steuern.

Auf einfachste Weise begreifen wir die wesentlichen Elemente, um etwas zu bewegen:

Den Ort, wo die Energie eingespeist werden kann - die Pedale.

Das System, wo die Energie in Bewegung gesetzt wird - das Tretlager.

Den Bereich, wo die Richtung der Bewegung bestimmt wird - der Lenker.

Das Zusammenspiel, das die Bewegung ins Umfeld setzt - die Laufräder.

Die Stelle, wo die Dynamik reduziert oder auch gestoppt werden kann - die Bremsen.

Und damit bietet der Bau eines Fahrrades als White Box die Möglichkeit, sich wieder auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren. Ob wir damit auf lange Sicht für das Fahrrad gar die Türen in den White Cube öffnen, können wir noch nicht wissen.    

Posted on September 1, 2015 .

Und wie krieg ich den Schlauch jetzt da rein?

Vor einigen Monaten kam ein sympathischer junger Mann mit einem Platten an seinem Rennrad in unsere Manufaktur und bat um Mithilfe. Den Schaden wollte der etwa zwanzigjährige Student der Betriebswirtschaft selbst beheben. Er sagte, es sei das erste Mal, dass er so was mache.

Ich gab ihm einen neuen Schlauch, das notwendige Werkzeug und erklärte ihm, wie er vorzugehen hatte. Der Mann mit schmächtiger Statur war entschlossen, es alleine zu schaffen. Also ließ ich den Mutigen einige Meter entfernt machen. Bald hörte ich ihn schnaufen, zuweilen verlieh er seiner Anstrengung auch verbalen Ausdruck: Ähh...ach...pfff...Mann! Einen Reifen abziehen, Schläuche austauschen und den Reifen wieder aufbringen, das kann man leicht in wenigen Minuten schaffen. Bei dem jungen Mann dauerte es fast vierzig Minuten bis er mir verschwitzt das Ergebnis präsentierte. „Sieht gut aus“ sagte ich beim ersten Hinsehen. Er nickte und machte einen äußerst zufriedenen Eindruck.

Dann entdeckte ich, dass beide, der alte und der neue Schlauch zu seinen Füßen lagen. Erst dachte ich, er hätte ihn vergessen, aber dann fragte er erwartungsvoll „Wie krieg ich denn den Schlauch jetzt da rein?“ Verdutzt fragte ich „Was glaubst du?“ Er dachte nach, konnte es sich aber nicht vorstellen. Dass zwischen Laufrad und eng anliegendem Reifen nicht genug Platz dafür war, leuchtete ihm nach angestrengter Prüfung zwar ein. Trotzdem dauerte es einige Zeit, bis er einsah, dass der Reihenfolge seiner Arbeitsschritte etwas fehlte. Er war überzeugt, dass er fast alles richtig gemacht hatte und das genügte ihm. Weil er keine Zeit für einen erneuten Anlauf hatte, nahm er sein Rad und verschwand auf immer.

Einige Wochen später begutachtete ich die schönen neuen Reifen eines Bekannten, die er online bestellt und zu Hause montiert hatte. Mir fiel der junge Rennradbesitzer mit der unbeendeten „Reparatur“ wieder ein und ich erzählte von ihm. Plötzlich kam ich darauf, woran er gescheitert war: Er hatte nicht zwischen analog und digital unterschieden. Er wollte ein Problem, den defekten Schlauch, durch die Funktion des Einfügens beheben. Wie beim Austausch von Daten zwischen Dateien. Copy and Paste. Das ist im Fall mit dem Schlauch zwar einfach gedacht, aber nicht durchdacht.

Zu argumentieren, es handele sich hierbei um mangelndes technisches Verständnis, trifft es nicht wirklich. Es geht um viel mehr. Menschen, die daran gewöhnt sind, Probleme am Computer lösen, haben oft wenig bis kein Verständnis für analoge Dinge. Egal wie begabt oder intelligent sie in der Theorie sein mögen, in der Praxis sind sie unbeholfen, mitunter sogar geradezu blöd. Mittlerweile machen sich die versäumten Handarbeits- und Reparaturkurse in Schulen bei vielen jungen Leuten bemerkbar. Im digitalen Überfluss geht erlebnisnahe Praxis verloren und wird gegen unfassbare Virtualität ausgetauscht. Menschen, die ihre Welt durch gläserne Bildschirme wahrnehmen verkümmern und entfremden sich zunehmend von der Natur der Dinge.

Für all jene, die sich pädagogisch benachteiligt fühlen weil sie am Werken nicht teilnehmen wollten oder durften, haben wir uns bei Samstag Rad etwas einfallen lassen:

Analoge Funktionen und Probleme begreifen bei einem Radbau Workshop...learning by doing, privat oder geschäftlich.

Wir freuen uns jetzt schon auf originelle Lösungsansätze von Teilnehmern.

 

P.S. Interessierte können sich auf Anfrage unter info@samstag-rad.de gerne unsere Online-Broschüre im pdf Format zukommen lassen.

 

 

 

 

Posted on May 30, 2015 .

Geschaeftspartner/In gesucht

Diese kurze Dokumentation soll einen Einblick in die Entstehung des Videos geben, mit dem ich die oder den GeschäftspartnerIn für Samstag Rad zu finden wünsche.

Mitwirkende des Videos: In order of appearance

Charlotte – Beratung Text

Joscha – Beratung

Marcus – Ideen, Kamera und Schnitt

Axel – Sprecher, Grafik, Licht

Judith – Interview und Sprecherin

Sandra – Nachrichtensprecherin

Max – Soundtrack

Es war oft schwierig, Samstag Rad alleine am Laufen zu halten und daher bin ich seit etwa einem Jahr auf der Suche nach einem GeschäftspartnerIn. Ich hatte zahlreiche Gespräche mit Interessenten, die sich eine Zusammenarbeit vorstellen konnten. Die richtige Person war nicht dabei. Oft fühlte es sich so an, dass nichts weiter geht und das deprimierte mich. Bis ich einsah, einfach noch nicht richtig an die Sache ran gegangen zu sein. Vor etwa sechs Wochen begann ich, um Unterstützung zu bitten.

Zum Glück hat Charlotte von Beck Management Center ihren Sitz im HUB. Sie kennt sich in Sachen Personal gut aus. Während der Abschiedsfeier von Caspar fragte ich sie, ob sie mich beraten würde. Ich schrieb auf, wie es zu Samstag Rad kam, wo das Projekt steht und was damit in Zukunft passieren soll. Während des einstündigen Gesprächs sprühte Charlotte vor Ideen. Eine wichtige Anregung vor ihr war, mit Joscha (Gründer HUB Munich) über Portale für die Platzierung der Ausschreibung zu sprechen.

Joscha schenkte mir am folgenden Tag sein Ohr für eine halbe Stunde. Zum Schluss hatte er die geniale Idee, die Suche nicht auszuschreiben, sondern ein Video zu machen. Er sagte das eher nebenbei, aber es machte sehr viel Sinn. Ich stellte mir vor, wie Interessenten im Gegenzug ein Video machen, um sich vorzustellen. Inspiriert von der unerwarteten Wende schrieb ich unverzüglich ein Skript. Es bestand grob aus vier Teilen: Vorstellung Samstag Rad; Vorstellung Ich; Profil Geschäftspartner; Gemeinsamkeit. 

Im HUB sitzt auch die Filmproduktion eyetrip, die mir für die Umsetzung vorschwebte. Tags darauf traf ich Marcus und Daniel. Sie würden mir helfen. Bei unserem zweiten Gespräch kristallisierte sich heraus, dass ich eine freche und experimentelle, aber dennoch seriös wirkende Produktion wollte. Daniel entsprach diese Herangehensweise nicht. Er bevorzugt „romantische“ Videos und machte einen Rückzieher. Marcus gefiel es, unkonventionell vorzugehen. Noch am gleichen Wochenende begannen wir mit den ersten Aufnahmen „um mal anzufangen“, wie er sagte. Wir berieten, arrangierten Sets, drehten und waren damit etwa sechs Stunden mit fünf unterschiedlichen Orten beschäftigt. Axel (HUB) war mit von der Partie: Als Sprecher und äußerst versierter Lichtkoordinator. 

Statt Marketing-BlaBla wollte ich glaubwürdige Textinhalte und schrieb diese teilweise während der Aufnahmen immer wieder um. Charlotte warf in meiner Abwesenheit einen letzten kritischen Blick auf den Ausdruck. Tags darauf befanden sich auf dem Zettel eine Vielzahl von Pfeilen, Skizzen und Fragezeichen – sehr sehenswert. Mit den Änderungen war das zunächst die Textvorlage für eine erste Schnittfassung. 

Zu Beginn der Arbeiten beabsichtigte ich noch, den Text komplett selbst zu sprechen. Aber mit der Überlegung, welchen Charakter die Vorstellungssequenz haben sollte, kam plötzlich ein Nachrichtensprecher ins Spiel. Ich weiß nicht mehr wie. Jedenfalls passte es, da eine Newsmeldung die Brisanz des Anliegens verstärken würde.

Axel war ein sehr engagierter Sprecher und sein Vortrag überaus originell. Leider klang er bei der Sichtung des Materials etwas hart. Alternativ schien eine Frau als Sprecherin passender. Wir mussten noch überlegten, welche es sein könnte. Die Entscheidung für eine Frau war mehr als richtig, konnten wir mit dem Video so auch den möglichen weiblichen Interessenten gerecht werden. Zurzeit arbeiten nämlich fast ausschließlich Männer in der Radbranche.

Marcus stellte sich ergänzend zur Nachrichtenmeldung eine Interviewsituation vor, in der man mich kennen lernt. Darin sollte ich erzählen, was das Besondere für mich mit Samstag Rad ist. Wir waren uns einig, dass eine Frau das Interview führen sollte. Welche Memberin im HUB ein Interview auf freche lockere Art führen könnte, war schnell klar: Judith. Sie sagte spontan zu, wir drehten im Anschluss ans Wochenende. Erneut ein Glücksgriff. Neben überzeugender Interviewführung sprach Judith auch den Text zum Geschäftspartner-Profil souverän. Die Aufnahmen im On und Off dauerten etwa eine Stunde. Die Telefonzellen im HUB eignen sich übrigens sehr gut als Tonstudio.

Die Suche nach der geeigneten Nachrichtensprecherin gestaltete sich nicht leicht. Aber bald offenbarte sich uns Sandra vom HUB Team als seriöse Nachrichtensprecherin. Sie wollte eigentlich nicht vor die Kamera, erbarmte sich aber und wolle es „versuchen“, wie sie sagte. Ein Hoch auf ihren Mut! Das Ergebnis ist nämlich sehr gelungen, insbesondere im Hinblick auf die Kürze des Drehs. Inklusive Auf- und Abbau dauerte der Nachrichtendreh nicht mal eine Stunde.

Zu den Bildern der Videoblöcke hatten wir - mit Ausnahme des Geschäftspartnerprofils - klare Vorstellungen. Dafür sollte eine ganz eigene Bilderwelt kreiert werden. Marcus setzte dabei auf bereits vorhandenes Archivmaterial. Funktioniert super.

Für die finale Sequenz wollten wir eine helle Außenszene in der Natur. Weil das Wetter in den vergangenen Wochen dauerhaft grau war, mussten wir mit dem Dreh an der Isar lange warten. Zeit, um einen Jingle für den Abspann zu finden. Der kommt von Max, einem Freund aus früheren Zeiten. Vor mehreren Jahren hat er einige Musikstücke komponiert. Eins davon hat nun erstmals Verwendung gefunden.

Es hat sich als sehr richtig erwiesen, Marcus bei der Auswahl der Bild- und Tonsequenzen gänzlich freie Hand zu lassen. Stichwort: Loslassen. Bis kurz vor Ende der Schnittphase hatte ich das Video nicht einmal gesehen. Als wir uns dann für den letzten Schliff zusammensetzten, gab es nur noch wenige Änderungen.

Durch die Unterstützung von großzügigen Menschen im Impact HUB ist ein beeindruckendes Gemeinschaftsprojekt entstanden. Ich bedanke mich hiermit herzlich bei allen, die bei der Produktion mitgewirkt haben. Ihr habt eine improvisierte Herangehensweise möglich gemacht, die wahrscheinlich ihresgleichen sucht. Das Ergebnis finde ich wunderbar.               

 

 

Posted on December 22, 2014 .

MOBILITÄT FÄHRT SLALOM (TEIL 3)

3. Teure Mobilität und Fahrräder braucht die Welt

Die wahre Leistung der Autoindustrie besteht weniger in der Produktion von Autos, als vielmehr in dem Irrgauben, die Welt brauche sie.  Etwa 28.000 Euro kostet ein Auto durchschnittlich beim Neukauf. Zum Zeitpunkt, wenn es seinen Geist aufgibt, wird es diesen Betrag mehrfach zusätzlich gekostet haben. Die Neupreise von Autos sollten sich alleine aufgrund ihrer Ineffektivität und fehlenden Originalität mindestens verfünffachen. Autos mit alternativen Antriebsystemen wie Elektromotoren oder neuartigen Brennstoffzellen bieten auch keine wirklichen Lösungen für nachhaltige Mobilität. Sie sind zusätzliche Probleme weil jeder Versuch, Lösungen zu finden, neue unüberschaubare Probleme verursacht. Was vorschnell als „Lösung“ betrachtet wird, ist meistens keine, da sie nicht langfristig erprobt wurde. Fast nichts von dem, was von der Industrie und Werbung im Zusammenhang mit Mobilität regelrecht zwanghaft als Innovation bezeichnet wird, ist tatsächlich innovativ. Die meisten technischen „Erfindungen“ sind doch eher unnötige Gimmicks. Soziale Komponenten, die sie innovativ machen könnten, fehlen gänzlich. Weniger Mobilität, die teuer sein muss und mehr Bewegung: Das sind anstrebenswerte Lösungen.

Selbst wenn die Menschheit eins ihrer Hauptprobleme, das Bevölkerungswachstum, nicht in den Griff bekäme: Fahrräder würden - außer sie sind billig - nicht zum Problem werden. Wer Fahrrad fährt, tut sich, der Umwelt und den Menschen etwas Gutes. Egal wie viel man fährt. Das wird immer so bleiben und das macht es so interessant. Damit Fahrrad fahren mehr Wertschätzung erfährt, muss es also nicht billiger, sondern viel teurer werden. Teure Lastenräder können sich mehrere Leute gut teilen. Nicht jeder muss eins haben.

Die Qualität von Fahrradrahmen und -komponenten bei Massenwaren hat ab den 80er Jahren stetig nachgelassen. Im vergangenen Jahr erschien eine Schundmarke auf dem Markt, die ganze 60 Tage Gewährleistung auf die beweglichen Teile ihrer Zweiräder bietet. Dass jemand für hässlichen neuen Müll Geld ausgibt, ist interessant. Im Grunde ist es Betrug, ein Zweirad, das nach wenigen Wochen zum Stehrad wird, Fahrrad zu nennen. Hoffentlich ist der Höhepunkt der Billigproduktion endlich erreicht.

Zwischen 150 Euro für ein Billigrad bis etwa 6.000 Euro für eine Sonderanfertigung gibt man heute für ein neues Rad aus. Die Qualität spielt beim Kauf eines Fahrrades für die meisten Käufer eine untergeordnete Rolle, halten soll es aber gefälligst trotzdem. Natürlich tut es das nicht. Wer dann dem Fahrrad die Schuld dafür gibt, trennt sich leicht davon. Ein kurzer Ausflug zu einem der vielen kleinen Popup-Fahrradfriedhöfe in den Strassen genügt. Dort kann man es leicht zu anderen Billigrädern dazu legen. Die instabilen Haufen wachsen immer schneller. Die Aufräumkommandos werden aber nicht Herr der Lage. Es genügt eben nicht, den minderwertigen Schrott bloß abzutransportieren. Die Produktion von neuem Schrott muss gestoppt werden. Die meisten neu gekauften Räder fahren nicht länger als zwei Jahre. Eine kurze Zeit, gemessen am aktuellen Durchschnittspreis von etwa 500 Euro.

500 Euro. Dafür arbeiten sehr viele Menschen immerhin eine Woche und haben am Ende des Monats nichts auf die Seite gelegt. In den 50er-70er Jahren kosteten hochwertige Fahrräder zwischen 400 und 1.000 Mark. Damals sparten die Käufer oft lange dafür, was den Vorteil hatte, dass es wertgeschätzt wurde. Fahrräder wurden gepflegt und viele Besitzer fuhren damit täglich zwanzig Kilometer und mehr. Einige Klassiker fahren heute noch, ohne größere Investitionen in defekte oder verschlissene Teile.

Was macht nun der Preis und den Wert eines Fahrrades in einer zukunftsfähigen Welt aus? Niedrig- und Schnäppchenjägerpreise werden es nicht schaffen, die Wertschätzung für Fahrräder zu steigern. Was billig ist, verliert schnell seinen Reiz. Also müssen Fahrräder teurer werden und entsprechend gut ausgestattet sein. Der Kaufpreis für ein gutes Fahrrad sollte sich auf lange Sicht dem Preis eines Autos nähern. Wenn sie zunächst 2.000 Euro kosteten, müsste das der Welt gefallen. Wem es gefällt, täglich Kleidung, Schmuck und Accessoires im Wert von 2.000 Euro und mehr an und mit sich zu tragen, dem müsste auch daran gelegen sein, das gleiche für ein nachhaltiges Fahrrad zu verschwenden. Es durchfährt die kommenden Dekaden bei entsprechender Pflege ohne größere Zusatzkosten. Wer sich die Kosten fürs Falschparken vom Auto spart - zweihundert Euro für ein Ticket wären angemessen - kann sich dafür bald ein Fahrrad zulegen.  

Der zeitliche Aufwand für eines unserer Räder liegt bei durchschnittlich zwanzig Stunden. Unser Verdienst liegt unter dem, was Autoreparaturwerkstätten berechnen. Profitgier kann man uns also nicht gerade unterstellen. Da es mehr sexy ist, Fahrräder statt Autos in Stand zu halten, werden wir unser Honorar langsam auf das Niveau von Kraftfahrzeug- und Flugzeugmechanikern anheben. Bessere Lösungen müssen ihren Preis haben.

Bei einem Anschaffungspreis von 2.000 Euro für ein tolles Fahrrad darf man schon etwas Besonderes erwarten, also bestimmt kein Massenprodukt. Gängige Hersteller können für dieses Geld keine individuellen Räder bauen. Kleine Manufakturen schon. Sie bauen Unikate aus robusten Originalteilen und erhalten so auch eine Kultur für Qualität und Handarbeit. Wer ein Traumrad wünscht, sollte sein Geld für restaurierte Räder ausgeben. Mit demonstrativer Verschwendung und Geltungskonsum hat das nichts zu tun!

Samstag Rad steht gegen das ständige Erfordernis der Fahrradbranche, technische Neuerungen hervor zu bringen. In den uns zur Verfügung stehenden Materialien steckt bereits so viel Expertise, dass wir unser Konzept selbstbewusst vertreten können. Wer wirklich etwas Neues und Anderes erleben will, kann sein Fahrrad auch selbst bauen. Workshops mit technischer und künstlerischer Anleitung bieten wir bereits an.

Oft argumentieren Leute gegen den Erwerb eines hochwertigen Rades, obwohl sie behaupten, gerne eins haben zu wollen. Der Grund: Es könnte gestohlen werden. Wer zu bequem ist, sein Rad mit in die Wohnung und ins Büro zu nehmen, oder es mit einem sehr guten Schloss auszustatten und sicher abzustellen, dem helfen keine guten Ratschläge. Seit einiger Zeit gibt es aber sogar für diese Starrköpfe eine „Lösung“: Sie können ihr Rad dauerhaft mit einem Mikrochip bestücken. So lässt es sich leichter wieder finden wenn es weg ist.    

Tauschgeschäfte mit Menschen, die sich unsere Räder nur schwer leisten können, begrüßen wir, sofern wir die angebotenen Produkte und Dienstleistungen selbst sinnvoll verschwenden können. Für diese Art der Partnerschaft sind Zeiteinheiten die Berechnungsgrundlage. Die gegenseitig erbrachten Arbeiten werden gleichwertig, etwa Arbeitsstunde gegen Arbeitsstunde, honoriert. So können sich Manche ein gutes Rad leisten und wir vielleicht etwas, das wir uns sonst nicht erlauben könnten.

Indem wir auf Überfluss verzichten, gewinnen wir wiederum Neues und können es verschwenden. Was dem Planeten gehört, muss im Sinn der Nachhaltigkeit behandelt werden, damit auch nachfolgende Generationen genug haben. Es geht nicht um die Bedürfnisse von Einzelnen. Es geht um ganze Spezies, um Respekt vor dem Ursprung des Lebens und um einen achtsamen und bewussten Umgang mit der Natur!

Christopher Lewis

Gründer von Samstag Rad

Posted on November 24, 2014 .

MOBILITÄT FÄHRT SLALOM (TEIL 2)

2. Notwendige Regulierungen als Zwischenlösung

Verkehrsanalysen in Großstädten zeigen: Der Anteil von Fahrten mit Kraftfahrzeugen, die weniger als sieben Kilometer zurücklegen und weniger als fünfzig Kilogramm zuladen, macht vierzig Prozent aus. Zwei von fünf Fahrten sind demnach Kleinsttransporte. Fahrräder und Lastenräder sind Alternativen, mit denen sich Zeit sparen, Stress reduzieren, die Gesundheit fördern, Platz schaffen, Ressourcen schonen, Lärm und Abgasgestank vermindern und das Bewusstsein stärken ließen. Der Verkehr wäre mehr im Fluss. Es wäre zukunftsfähig, sozial und würde den Bewohnern von Städten gefallen. Auf den Luxus kurzer Kraftfahrzeugfahrten zu verzichten, würde die Lebensqualität auf einfache Weise erhöhen. Die Instandhaltungskosten von Straßen würden sinken. Das eingesparte Geld könnte beispielsweise in den Ausbau von Parkanlagen, Rad- und Fußwegen fließen.

Eine Person, die zehn Kilometer durch die Stadt fährt, um eine Hose zu kaufen und dafür ein zwei Tonnen schweres Fahrzeug nutzt, das sich für Militäreinsätze eignet und einen nicht erneuerbaren Rohstoff verbrennt, lebt auf Kosten von anderen Menschen. In einer modernen Gesellschaft ist es obszön und untragbar, auf derart selbstgefällige Art Shopping zu betreiben. Auch wenn stattdessen ein kleines, etwa halb so schweres E-Mobil genutzt wird. Die Kosten für die Umwelt liegen bei beiden Fahrzeugen höher als das gekaufte Kleidungsstück.

Es bringt wenig, sich in den schnöden Alltag unfähiger Politiker einzumischen und sich zu beschweren. Man kann die Vetterwirtschaft mit der Industrie aber auch nicht hinnehmen, sondern muss energische Regulierungen bei der Mobilität in Städten fordern. Solange Autofahrer über zu hohe Verkehrsaufkommen schimpfen, sich aber nicht als Verursacher betrachten, sind sie entweder von Autos oder vom Autofahren besessen. Da sie nicht freiwillig auf die Nutzung von Kraftfahrzeugen verzichten, müssen per Gesetz ausnahmslos verkehrsberuhigte Zonen in allen Innenstädten eingerichtet werden. Das bestehende Recht der „freien“ Wahl des Transportmittels muss notwendigen Maßnahmen zur Steigerung des Gemeinwohls unterstehen.

Da auch das Steuersystem nicht gemeinwohlorientiert ist, muss es von einer Verwaltung der Finanzen in eine faire Verteilung von Ressourcen umstrukturiert werden. Die Steuern für Kraftfahrzeuge und Verbrennungsstoffe reichen nicht aus, um die verursachten Schäden an der Umwelt zu reparieren.

Das Individuum ist nicht mehr nur Teilnehmer am Verkehr. Alle zusammen SIND der Verkehr. Jeder, der mobil ist, ist Verkehrsverursacher. Daher sind alle, Fußgänger, Skater, Rad- und Skifahrer, Auto- und Motorradfahrer, Bahn-, Flug- und Schiffsreisende auch Schadensverursacher. Egal ob privat oder gewerblich, jeder muss für seine verursachten Umweltschäden selbst aufkommen. Es ist unsinnig, die Industrieunternehmen für Umweltsünden zahlen zu lassen. Solange Konsumenten Waren von diesen Unternehmen kaufen oder indirekt beziehen, sind sie für die Schäden mit verantwortlich. Die Subventionierung des Flug- und Kraftfahrzeugverkehrs durch Steuergelder muss aufhören. Die realen Kosten der Zerstörung an der Natur werden durch solche Förderungen verschleiert.

Wer nachhaltig mobil ist, sollte belohnt werden. Der öffentliche Nahverkehr sollte gefördert, bzw. umsonst sein, um mehr Gefallen zu finden. Jede Art von Energieaufwand und die damit verbundenen Folgen, insbesondere in der Mobilität, sind heutzutage kalkulierbar. Alle zurückgelegten Strecken müssen in ein Berechnungs- und Analysesystem einfließen. Erfasst werden die Daten mithilfe von neuen Apps oder klassisch buchhalterisch.

Nichts spricht dafür, dass der Schein zum Führen eines Automobils mehr kostet als die Berechtigung, Fahrrad zu fahren oder sich als Fußgänger zu bewegen. Durchschnittlich 2.000 Euro Kosten für einen Führerschein sind definitiv zu viel für etwas Fahrtraining und ein bisschen Lehrkunde in Verkehrstheorie. Ohne fundiertes Wissen über Nachhaltigkeit sollte überhaupt niemand ein Auto, egal mit welchem Antrieb, bewegen dürfen. Wer kein Fahrrad fahren will oder nicht dazu in der Lage ist, dürfte eigentlich auch nicht selbst Auto fahren. In Zukunft sollte jeder über Grundwissen der unterschiedlichen Fahrzeuge verfügen und mehr Verantwortung auf allen mobilen Transportwegen übernehmen. Rechthaberische Auseinandersetzungen über Bevorzugung und Benachteiligung unterschiedlicher Verkehrsverursacher lösen keine Probleme und tragen nicht zum kollektiven Verständnis von Mobilität bei.

Parallel zur Entwicklung und Einführung der neuen entlastenden Gesetze und Regelungen ist jeder zur Teilnahme an Nachhaltigkeitskursen verpflichtet. Ein zukunftsfähiger Umgang mit der Umwelt gefällt den Menschen schließlich. Was das Bildungssystem offensichtlich nicht leisten kann, muss eben im Zuge von gezielten Schadensbegrenzungsprozessen stattfinden. Nur so lassen sich gleiche Vorraussetzungen bzw. langfristig einheitliche Bildungsstandards für eine zukunftsfähige Welt schaffen. Grund- und Auffrischkurse sind kostenfrei. Sie werden durch die sinkenden Instandhaltungskosten von Strassen und Flughäfen finanziert.

Solange finanziell schwächer gestellte Menschen insgesamt weniger mobil sind als finanziell besser gestellte lautet die wichtigste Frage: Wie viel CO2 emittiert jeder Einzelne? Um das Klima auf der Erde langfristig stabilisieren zu können, darf derzeit jeder Bewohner pro Jahr 2,7 Tonnen an CO2 Emissionen „produzieren“. Bei dem durchschnittlichen Wert von derzeit mehr als 11 Tonnen pro Person in den Industriestaaten bedeutet dies für jeden: Nicht mehr, sondern besser konsumieren; weniger Energie verbrauchen; weniger weit reisen; insgesamt weniger besitzen und stattdessen eine Ökonomie des Teilens praktizieren. Online lassen sich CO2-Rechner aufrufen, mit denen jeder seine Emissionen berechnen kann.  

Die Idee des gemeinwohlorientierten Wirtschaftens ist nicht neu und mittlerweile auch bekannt. Sie ist zum Teil sogar im Grundgesetz fest geschrieben. Die 2,7 Tonnen Regelung muss weltweit gelten, um gerechte Bedingungen für alle Völker zu schaffen. Niemand, der respekt- und würdevoll leben will, kann sie ignorieren. Menschen in Industriestaaten müssen verzichten, damit die Bevölkerung in Schwellen- und Entwicklungsländern menschenwürdige Lebensstandards erreichen. Alle sollen bekommen, was sie brauchen. Das ist die Art Verschwendung, die Zufriedenheit und Gefallen ins Leben Aller bringt.

Die Vision der Flugmaschine, die Leonardo da Vinci einst hatte, wird immer wieder als Ideal moderner Fortbewegung instrumentalisiert. Aber der ursprüngliche Traum vom Fliegen hat sich gerade in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Alptraum entwickelt. Der Flugverkehr nimmt zu. Der Erfinder und Künstler ahnte damals nicht, welches Zerstörungspotential die Antriebsmethode für seine Erfindung an der Natur üben würde. Zu viele Leute setzten sich regelmäßig in Flugzeuge, reisen für kurze Zeit an ferne Ziele zu und lassen sich Tag für Tag mit unzähligen Tonnen luxuriöser Waren beliefern. So anmutig und ausbalanciert hunderttausende von Passagier- und Transportflugzeugen beim Abheben und Landen auch wirken mögen, die exzessive Nutzung zu wirtschaftlichen Zwecken zeugt von einem geistlosen Umgang mit der Zukunft. Die Bedürfnisse konsumgeiler Massen können durch die Globalisierung niemals gestillt werden. Es muss jedem klar sein, dass das Ausmaß der Emissionen ein Ungleichgewicht in der Natur schafft, das Folgegenerationen nicht gefallen wird. Egal ob man heute First-Class, Economy oder ein Green Ticket bucht, in der Zukunft werden sie alle Loser-Class Tickets sein.

Reisen zu sich selbst können abenteuerlich sein. Wer immer noch meint, unbedingt fliegen zu müssen, soll doch bitte sein Erspartes verschwenden, dem Weltraumtourismus nutzen und für immer verschwinden. Leute, denen das nicht genug gefällt, sollten für einen Flug mit dem Jet, etwa von Frankfurt nach New York, in Zukunft das Jahresgehalt eines Abteilungsleiters zahlen müssen. Flüge in Langstrecken-Seglern hingegen, die mit Solarenergie auf Höhe gebracht werden, sollte sich jeder leisten können. Hier wäre eine kreative Industrie gefragt, die große Flugsegler entwickelt, mit denen sich nun mal keine Rekordgewinne erzielen lassen. Niemand muss darauf warten, bis sich die Ökonomie, deren Hauptanliegen es ist, nicht vorhandenes Wachstum zu propagieren, von alleine abschafft.

Posted on November 18, 2014 .

Mobilität fährt Slalom. (Teil 1)

Warum uns Billiges teuer zu stehen kommt.

Und wie die Welt nicht gegen die Wand fährt.

 

1. Es geht weniger um ökonomische Nutzen als ums Gefallen

Nicht alles im Leben muss Sinn machen: Verschwendung, Grenzen überschreiten, sich steigern und durch Exzesse selbst erfahren. Das kann man schon mal machen. Regelmäßige Verausgabung hingegen schränkt das Potential von Menschen ein. Das Prinzip Verschwendung, wie es etwa die Sonne vor macht, widerspricht dem rationalen und ökonomischen Geist. Weil der Nutzen fehlt. Das Bild von der Energie, die sich ohne Berechnung in den Tiefen des Universums verliert, verträgt sich nicht mit der Phantasie. Wer sich in den ökonomischen Konstrukten durch Konsum selbst zur Geisel nimmt, kann die Grenzen des Denkens nicht überwinden. Wachstum, Gewinnmaximierung und Nutzen stehen so immer auch ungewollt im Vordergrund, wenn es ums Leben und Überleben geht. „Ein lebendes System wächst, oder es verschwendet sich grundlos“ schrieb der Philosoph George Bataille in seinem Buch über die allgemeine Ökonomie. Die Publizistin Ingeborg Szöllösi folgert aus dieser kontroversen Erkenntnis, dass „der Mensch irrt, solange er gezwungen ist, auf Sparflamme zu leben“.

Wer schöne Erlebnisse, Ideen oder etwa Gefühle aufspart, folgt ökonomischen Gesetzen. Das tut fast jeder, schiebt so das Leben vor sich her und kann lange darauf warten, bis es kommt. So wird aus Lebendigkeit Stillstand. Bewegung ist ein natürliches Bedürfnis, das sich leicht unterdrücken lässt. Wenn Menschen heutzutage von Bewegung sprechen, denken sie dabei vorwiegend an Fortbewegung in Vehikeln und meinen Mobilität. Ausflüge und Reisen also. Oft haben diese mit Bewegung wenig zu tun. Was das Reisen so attraktiv macht, ist für Viele auch die Möglichkeit, sie als Flucht vor dem Wesentlichen und vor Problemen zu missbrauchen. Verallgemeinert lässt sich sagen: Wer sich bewegt, tut etwas für sich und reproduziert Energie; Wer mobil ist, macht sich nützlich (etwa der Industrie) und benötigt dafür Energie. Vom ersten kann man etwas abgeben. Vom zweiten nicht, es wurde verbraucht. Wie Menschen Energie verschwenden, zeichnet sie aus. Bataille zufolge geht es „um den gefälligen Verlust, der einem ungefälligen vorzuziehen ist: es handelt sich um Gefallen, nicht mehr um Nutzen“.

Mobilität bringt maßlose Verschwendung mit sich. Mit ihr werden ständig Grenzen überschritten. Die Frage, ob die Menschheit sich diese Freiheit leisten kann, stellt sich für die Wenigsten. Das ist zwar bequem, aber bestimmt nicht zeitgemäß. Um den aktuellen Stand von der Mobilität zu erfassen, muss sie ganzheitlich, bzw. im Hinblick auf das Gefallen der Mehrheit betrachtet werden.  

Ein Flugzeug ist ein Flugzeug. Ein Auto ist ein Auto. Und ein Fahrrad ist ein Fahrrad. Zunächst einmal. Sie lassen sich als gefällige Transportmittel nutzen. Wie praktisch, ökonomisch effektiv, ökologisch sinnvoll, gesundheitsfördernd oder -gefährdend sie sind, bestimmt der Nutzer und dessen Bereitschaft, dafür zu zahlen. Wo, wann und wie viel ein Transportmittel zu welchem Preis eingesetzt wird, entscheidet ebenso über seine Nützlichkeit wie etwa die Produktionsmethode, der Kaufort und was damit am Ende des Lebenszyklus geschieht. Damit ist noch nichts über die Notwendigkeit von Transportmitteln gesagt. 

Dass immer mehr Menschen täglich Fahrräder nutzen, könnte bedeuten, dass sie notwendig sind. Lob gebührt all jenen, die sich, aus welchen Gründen auch immer, den Fahrradfahrern anschließen. Erstaunlich ist, dass Viele die Vorteile von Rädern kategorisch ignorieren und sich täglich in einen PKW quetschen. Sie drängeln sich durch den Verkehr und stehen genervt im Stau, während ungestresste Fahrradfahrer sie locker hinter sich lassen. Während Radfahrer erfrischt und fit ihren Zielort erreichen, machen Autofahrer den Verkehr für ihr zu spät kommen verantwortlich. Ein Grund, der von Inkompetenz und Überheblichkeit zeugt. 

Zusätzlich zur unabhängigen Fort-Bewegung, belohnen Radfahrer sich mit einem Dauergeschenk, über das kaum noch nachgedacht oder gesprochen wird: Balance. Aus eigener Kraft Gleichgewicht herzustellen, ist ein gutes Gefühl. Autofahrer und Mitfahrer schalten es quasi aus, sobald sie in ein Fahrzeug mit vier oder mehr Rädern steigen. Und Insassen von Flugzeugen haben vielleicht das Gefühl zu schweben, in Wirklichkeit aber verursacht der Flugverkehr ein beispielloses Ungleichgewicht an der Natur.

Fahrräder sind einfache Transportmittel. Das macht sie effektiv. Wer ein Rad besitzt, kann die Einsatzbereiche und die Grenzen der Nutzbarkeit leicht selbst bestimmen. Sie reichen von erlebnisreichen Weltumfahrungen bis zur jahrelangen Radfahr-Abstinenz. Manch einem reicht schon ein platter Reifen, um sein Rad für immer stehen zu lassen. Hier geht die Effektivität mangels Interesse verloren. Für Manche kann ein Rad auch eine reine Fetisch- oder Objektfunktion erfüllen, wenn es zum Beispiel dauerhaft zu Hause oder im Büro Modell steht. Möglicherweise entsteht daraus eine ungewöhnliche Quelle der Inspiration mit effektiver Wirkung. Von einem Auto, das die meiste Zeit auf der Strasse herum steht, lässt sich das kaum behaupten.

 

(Teil 2 von insgesamt 3 Teilen folgt kommende Woche)

Posted on November 11, 2014 .

Anpassung, Nichtkonformitaet, the Impact HUB Munich und Herr Samstag

Nicht konforme Menschen, die etwas verändern wollen, fallen auf. Insbesondere in der angepassten Menge. Die fordert zwar auch Veränderung, ist aber zu bequem, mit Gewohntem zu brechen. Andererseits, wer Gewohntes in Frage stellt, gilt als unbequem und wird ignoriert, bisweilen auch bestraft. 

Für die Unbequemen kann der Anschluss an eine Gruppe anders Denkender Versöhnung mit sich bringen. Doch Versammlungen herausragender Persönlichkeiten erweisen sich oft als schwierig. Beim Versuch, gemeinsam Lösungen zu entwerfen stiftet das Ego einzelner Unruhe. Der Kraft zur Umsetzung neuer Ideen fehlt langfristig das notwendige Durchhaltevermögen und in den meisten Fällen löst sich die Gruppe samt den guten Vorsätzen wieder auf. Das Gefühl und die Notwendigkeit, trotzdem etwas zu bewegen, bleiben.

 
Foto: Süddeutsche Zeitung

Foto: Süddeutsche Zeitung

 

Veränderung kann ohne Verzicht nicht stattfinden. So auch im Fall des uns vertrauten ökonomischen Systems. Studien zufolge verlangen acht von zehn Menschen nach einer neuen Wirtschaftsordnung. Offenbar dient die gegenwärtige Ordnung nämlich nicht – wie gesetzlich vorgeschrieben – dem Gemeinwohl, sondern der Vermehrung des Geldes einer Minderheit. Die Rechnung ist einfach: Wenige profitieren von der Arbeit und vom Lohn Vieler. Die konforme Mehrheit erklärt sich quasi mit diesem Unrecht einverstanden, beschwert sich zwar, handelt aber nicht entsprechend. In dieser Stammtischmentalität spiegelt sich die bittere Seite der Demokratie wider.

 
 

Umso mehr überraschte mich ein Ort, wo Nonkonformität bereits zur Normalität geworden ist. Im Impact HUB in München wird eine „Kultur der Unangepasstheit“ gepflegt, die wohl kaum jemand als unangenehm empfindet. Es gelingt nicht, in Worte zu fassen, was genau die Menschen bewegen, die sich dort aufhalten, oder was das Besondere an ihnen ist. Das ist gut so. In einer Zeit, in der der Verstand dem Begreifen immer öfter im Wege steht, sollten die Dinge weniger erklärt werden. Ich jedenfalls musste vor Ort sein und es selbst spüren. Die Selbstverständlichkeit und Herzlichkeit der Begegnung und Zusammenarbeit im HUB hat auch nach ein paar Monaten immer mal wieder etwas Ungewohntes für mich und manchmal bin ich unsicher, ob das Neue, das der Welt aus der Seele spricht, gelingen wird.

 
 

Erfolg planen zu wollen hat immer etwas Ungewisses. Doch Offenheit und das Vertrauen darüber, dass jeder im HUB genau das tut, wozu sie/er sich berufen fühlt, leiten die Hoffnung an. Es sind Unternehmungen und Projekte die dem Gemeinwohl dienen, initiiert von Menschen, die alleine aufgrund dessen unangepasst sind weil sie nachhaltig Sinnvolles tun. Sie sagen nein zu unbewusstem Konsum, Ausbeutung und Überfluss.

Heute mag es paradox klingen, aber früher habe ich wertvolle Zeit damit vergeudet, nicht über meinen Konsum zu reflektieren. Jetzt beschäftige ich mich täglich damit, auch im Interesse der Folgegenerationen zu handeln. Einfach weil es zukunftsfähig ist, der Welt zurück zu geben von dem, was ich bekomme.

Die neue Webseite des Impact HUB ist online und freut sich auf Menschen, die handeln wollen. Wer möchte, kann einen Termin vereinbaren, um sich ein Bild von diesem Ort zu machen. Am 7. März zwischen 11.00 und 15.00 Uhr findet dort ein Tag der offen Tür statt. Kommen Sie doch vorbei!

Posted on February 25, 2014 .

Neustart für Samstag Rad naht

Seit Ende November letzten Jahres vollzieht sich der räumliche Umzug von Samstag Rad und die Transformation von der ehemaligen Werkstatt in die zukünftige Manufaktur. Es ist eine Zeit improvisierter Restaurierungsaktivitäten für Fahrräder. Drei Monate lang gab es lediglich eine kleine Ecke mit Tisch und Werkzeugen an dem Ort, wo die Wände für die Manufaktur jetzt gebaut wurden: Im Impact HUB in München Untersendling.  

 
Der Raum der alten Samstag Rad Werkstatt, die gleich neben einer stinkenden Autowerkstatt lag. Diese Nachbarschaft lag unter keinem guten Stern mehr.

Der Raum der alten Samstag Rad Werkstatt, die gleich neben einer stinkenden Autowerkstatt lag. Diese Nachbarschaft lag unter keinem guten Stern mehr.

 

Effektives Arbeiten ist erst wieder Anfang März möglich. Jetzt wird der Raum langsam eingerichtet, es gibt noch keinen Strom. In ca. drei Wochen nimmt die neue Manufaktur ihren gesteigerten Betrieb auf. Der Neustart bringt auch den Relaunch der Samstag Rad Webseite mit sich sowie die neue Visitenkarte und einen schönen Flyer. Das angenehme Umfeld im HUB trägt maßgeblich zum Wandel von Samstag Rad bei.

 
Die Trockenbauer beim Errichten der Manufaktur, einem imposanten Raum gebaut nach ökölogischen Richtlinien, wie alle Räumlichkeiten und Einrichtungen, die derzeit im Impact HUB entstehen.

Die Trockenbauer beim Errichten der Manufaktur, einem imposanten Raum gebaut nach ökölogischen Richtlinien, wie alle Räumlichkeiten und Einrichtungen, die derzeit im Impact HUB entstehen.

 

Ich habe noch nie Beiträge für einen Blog geschrieben. Das hier ist ein Anfang. Ich probiere es aus und habe vor, etwa alle zwei Wochen zu schreiben. So, das war es fürs Erste. 

Viel Spaß beim Fahrradfahren wünsche ich allen, die diesen Winter ungeniert auf zwei Rädern vorüberziehen lassen!

Euer Herr Samstag

Posted on February 11, 2014 .