Mobilität fährt Slalom. (Teil 1)

Warum uns Billiges teuer zu stehen kommt.

Und wie die Welt nicht gegen die Wand fährt.

 

1. Es geht weniger um ökonomische Nutzen als ums Gefallen

Nicht alles im Leben muss Sinn machen: Verschwendung, Grenzen überschreiten, sich steigern und durch Exzesse selbst erfahren. Das kann man schon mal machen. Regelmäßige Verausgabung hingegen schränkt das Potential von Menschen ein. Das Prinzip Verschwendung, wie es etwa die Sonne vor macht, widerspricht dem rationalen und ökonomischen Geist. Weil der Nutzen fehlt. Das Bild von der Energie, die sich ohne Berechnung in den Tiefen des Universums verliert, verträgt sich nicht mit der Phantasie. Wer sich in den ökonomischen Konstrukten durch Konsum selbst zur Geisel nimmt, kann die Grenzen des Denkens nicht überwinden. Wachstum, Gewinnmaximierung und Nutzen stehen so immer auch ungewollt im Vordergrund, wenn es ums Leben und Überleben geht. „Ein lebendes System wächst, oder es verschwendet sich grundlos“ schrieb der Philosoph George Bataille in seinem Buch über die allgemeine Ökonomie. Die Publizistin Ingeborg Szöllösi folgert aus dieser kontroversen Erkenntnis, dass „der Mensch irrt, solange er gezwungen ist, auf Sparflamme zu leben“.

Wer schöne Erlebnisse, Ideen oder etwa Gefühle aufspart, folgt ökonomischen Gesetzen. Das tut fast jeder, schiebt so das Leben vor sich her und kann lange darauf warten, bis es kommt. So wird aus Lebendigkeit Stillstand. Bewegung ist ein natürliches Bedürfnis, das sich leicht unterdrücken lässt. Wenn Menschen heutzutage von Bewegung sprechen, denken sie dabei vorwiegend an Fortbewegung in Vehikeln und meinen Mobilität. Ausflüge und Reisen also. Oft haben diese mit Bewegung wenig zu tun. Was das Reisen so attraktiv macht, ist für Viele auch die Möglichkeit, sie als Flucht vor dem Wesentlichen und vor Problemen zu missbrauchen. Verallgemeinert lässt sich sagen: Wer sich bewegt, tut etwas für sich und reproduziert Energie; Wer mobil ist, macht sich nützlich (etwa der Industrie) und benötigt dafür Energie. Vom ersten kann man etwas abgeben. Vom zweiten nicht, es wurde verbraucht. Wie Menschen Energie verschwenden, zeichnet sie aus. Bataille zufolge geht es „um den gefälligen Verlust, der einem ungefälligen vorzuziehen ist: es handelt sich um Gefallen, nicht mehr um Nutzen“.

Mobilität bringt maßlose Verschwendung mit sich. Mit ihr werden ständig Grenzen überschritten. Die Frage, ob die Menschheit sich diese Freiheit leisten kann, stellt sich für die Wenigsten. Das ist zwar bequem, aber bestimmt nicht zeitgemäß. Um den aktuellen Stand von der Mobilität zu erfassen, muss sie ganzheitlich, bzw. im Hinblick auf das Gefallen der Mehrheit betrachtet werden.  

Ein Flugzeug ist ein Flugzeug. Ein Auto ist ein Auto. Und ein Fahrrad ist ein Fahrrad. Zunächst einmal. Sie lassen sich als gefällige Transportmittel nutzen. Wie praktisch, ökonomisch effektiv, ökologisch sinnvoll, gesundheitsfördernd oder -gefährdend sie sind, bestimmt der Nutzer und dessen Bereitschaft, dafür zu zahlen. Wo, wann und wie viel ein Transportmittel zu welchem Preis eingesetzt wird, entscheidet ebenso über seine Nützlichkeit wie etwa die Produktionsmethode, der Kaufort und was damit am Ende des Lebenszyklus geschieht. Damit ist noch nichts über die Notwendigkeit von Transportmitteln gesagt. 

Dass immer mehr Menschen täglich Fahrräder nutzen, könnte bedeuten, dass sie notwendig sind. Lob gebührt all jenen, die sich, aus welchen Gründen auch immer, den Fahrradfahrern anschließen. Erstaunlich ist, dass Viele die Vorteile von Rädern kategorisch ignorieren und sich täglich in einen PKW quetschen. Sie drängeln sich durch den Verkehr und stehen genervt im Stau, während ungestresste Fahrradfahrer sie locker hinter sich lassen. Während Radfahrer erfrischt und fit ihren Zielort erreichen, machen Autofahrer den Verkehr für ihr zu spät kommen verantwortlich. Ein Grund, der von Inkompetenz und Überheblichkeit zeugt. 

Zusätzlich zur unabhängigen Fort-Bewegung, belohnen Radfahrer sich mit einem Dauergeschenk, über das kaum noch nachgedacht oder gesprochen wird: Balance. Aus eigener Kraft Gleichgewicht herzustellen, ist ein gutes Gefühl. Autofahrer und Mitfahrer schalten es quasi aus, sobald sie in ein Fahrzeug mit vier oder mehr Rädern steigen. Und Insassen von Flugzeugen haben vielleicht das Gefühl zu schweben, in Wirklichkeit aber verursacht der Flugverkehr ein beispielloses Ungleichgewicht an der Natur.

Fahrräder sind einfache Transportmittel. Das macht sie effektiv. Wer ein Rad besitzt, kann die Einsatzbereiche und die Grenzen der Nutzbarkeit leicht selbst bestimmen. Sie reichen von erlebnisreichen Weltumfahrungen bis zur jahrelangen Radfahr-Abstinenz. Manch einem reicht schon ein platter Reifen, um sein Rad für immer stehen zu lassen. Hier geht die Effektivität mangels Interesse verloren. Für Manche kann ein Rad auch eine reine Fetisch- oder Objektfunktion erfüllen, wenn es zum Beispiel dauerhaft zu Hause oder im Büro Modell steht. Möglicherweise entsteht daraus eine ungewöhnliche Quelle der Inspiration mit effektiver Wirkung. Von einem Auto, das die meiste Zeit auf der Strasse herum steht, lässt sich das kaum behaupten.

 

(Teil 2 von insgesamt 3 Teilen folgt kommende Woche)

Posted on November 11, 2014 .