MOBILITÄT FÄHRT SLALOM (TEIL 2)

2. Notwendige Regulierungen als Zwischenlösung

Verkehrsanalysen in Großstädten zeigen: Der Anteil von Fahrten mit Kraftfahrzeugen, die weniger als sieben Kilometer zurücklegen und weniger als fünfzig Kilogramm zuladen, macht vierzig Prozent aus. Zwei von fünf Fahrten sind demnach Kleinsttransporte. Fahrräder und Lastenräder sind Alternativen, mit denen sich Zeit sparen, Stress reduzieren, die Gesundheit fördern, Platz schaffen, Ressourcen schonen, Lärm und Abgasgestank vermindern und das Bewusstsein stärken ließen. Der Verkehr wäre mehr im Fluss. Es wäre zukunftsfähig, sozial und würde den Bewohnern von Städten gefallen. Auf den Luxus kurzer Kraftfahrzeugfahrten zu verzichten, würde die Lebensqualität auf einfache Weise erhöhen. Die Instandhaltungskosten von Straßen würden sinken. Das eingesparte Geld könnte beispielsweise in den Ausbau von Parkanlagen, Rad- und Fußwegen fließen.

Eine Person, die zehn Kilometer durch die Stadt fährt, um eine Hose zu kaufen und dafür ein zwei Tonnen schweres Fahrzeug nutzt, das sich für Militäreinsätze eignet und einen nicht erneuerbaren Rohstoff verbrennt, lebt auf Kosten von anderen Menschen. In einer modernen Gesellschaft ist es obszön und untragbar, auf derart selbstgefällige Art Shopping zu betreiben. Auch wenn stattdessen ein kleines, etwa halb so schweres E-Mobil genutzt wird. Die Kosten für die Umwelt liegen bei beiden Fahrzeugen höher als das gekaufte Kleidungsstück.

Es bringt wenig, sich in den schnöden Alltag unfähiger Politiker einzumischen und sich zu beschweren. Man kann die Vetterwirtschaft mit der Industrie aber auch nicht hinnehmen, sondern muss energische Regulierungen bei der Mobilität in Städten fordern. Solange Autofahrer über zu hohe Verkehrsaufkommen schimpfen, sich aber nicht als Verursacher betrachten, sind sie entweder von Autos oder vom Autofahren besessen. Da sie nicht freiwillig auf die Nutzung von Kraftfahrzeugen verzichten, müssen per Gesetz ausnahmslos verkehrsberuhigte Zonen in allen Innenstädten eingerichtet werden. Das bestehende Recht der „freien“ Wahl des Transportmittels muss notwendigen Maßnahmen zur Steigerung des Gemeinwohls unterstehen.

Da auch das Steuersystem nicht gemeinwohlorientiert ist, muss es von einer Verwaltung der Finanzen in eine faire Verteilung von Ressourcen umstrukturiert werden. Die Steuern für Kraftfahrzeuge und Verbrennungsstoffe reichen nicht aus, um die verursachten Schäden an der Umwelt zu reparieren.

Das Individuum ist nicht mehr nur Teilnehmer am Verkehr. Alle zusammen SIND der Verkehr. Jeder, der mobil ist, ist Verkehrsverursacher. Daher sind alle, Fußgänger, Skater, Rad- und Skifahrer, Auto- und Motorradfahrer, Bahn-, Flug- und Schiffsreisende auch Schadensverursacher. Egal ob privat oder gewerblich, jeder muss für seine verursachten Umweltschäden selbst aufkommen. Es ist unsinnig, die Industrieunternehmen für Umweltsünden zahlen zu lassen. Solange Konsumenten Waren von diesen Unternehmen kaufen oder indirekt beziehen, sind sie für die Schäden mit verantwortlich. Die Subventionierung des Flug- und Kraftfahrzeugverkehrs durch Steuergelder muss aufhören. Die realen Kosten der Zerstörung an der Natur werden durch solche Förderungen verschleiert.

Wer nachhaltig mobil ist, sollte belohnt werden. Der öffentliche Nahverkehr sollte gefördert, bzw. umsonst sein, um mehr Gefallen zu finden. Jede Art von Energieaufwand und die damit verbundenen Folgen, insbesondere in der Mobilität, sind heutzutage kalkulierbar. Alle zurückgelegten Strecken müssen in ein Berechnungs- und Analysesystem einfließen. Erfasst werden die Daten mithilfe von neuen Apps oder klassisch buchhalterisch.

Nichts spricht dafür, dass der Schein zum Führen eines Automobils mehr kostet als die Berechtigung, Fahrrad zu fahren oder sich als Fußgänger zu bewegen. Durchschnittlich 2.000 Euro Kosten für einen Führerschein sind definitiv zu viel für etwas Fahrtraining und ein bisschen Lehrkunde in Verkehrstheorie. Ohne fundiertes Wissen über Nachhaltigkeit sollte überhaupt niemand ein Auto, egal mit welchem Antrieb, bewegen dürfen. Wer kein Fahrrad fahren will oder nicht dazu in der Lage ist, dürfte eigentlich auch nicht selbst Auto fahren. In Zukunft sollte jeder über Grundwissen der unterschiedlichen Fahrzeuge verfügen und mehr Verantwortung auf allen mobilen Transportwegen übernehmen. Rechthaberische Auseinandersetzungen über Bevorzugung und Benachteiligung unterschiedlicher Verkehrsverursacher lösen keine Probleme und tragen nicht zum kollektiven Verständnis von Mobilität bei.

Parallel zur Entwicklung und Einführung der neuen entlastenden Gesetze und Regelungen ist jeder zur Teilnahme an Nachhaltigkeitskursen verpflichtet. Ein zukunftsfähiger Umgang mit der Umwelt gefällt den Menschen schließlich. Was das Bildungssystem offensichtlich nicht leisten kann, muss eben im Zuge von gezielten Schadensbegrenzungsprozessen stattfinden. Nur so lassen sich gleiche Vorraussetzungen bzw. langfristig einheitliche Bildungsstandards für eine zukunftsfähige Welt schaffen. Grund- und Auffrischkurse sind kostenfrei. Sie werden durch die sinkenden Instandhaltungskosten von Strassen und Flughäfen finanziert.

Solange finanziell schwächer gestellte Menschen insgesamt weniger mobil sind als finanziell besser gestellte lautet die wichtigste Frage: Wie viel CO2 emittiert jeder Einzelne? Um das Klima auf der Erde langfristig stabilisieren zu können, darf derzeit jeder Bewohner pro Jahr 2,7 Tonnen an CO2 Emissionen „produzieren“. Bei dem durchschnittlichen Wert von derzeit mehr als 11 Tonnen pro Person in den Industriestaaten bedeutet dies für jeden: Nicht mehr, sondern besser konsumieren; weniger Energie verbrauchen; weniger weit reisen; insgesamt weniger besitzen und stattdessen eine Ökonomie des Teilens praktizieren. Online lassen sich CO2-Rechner aufrufen, mit denen jeder seine Emissionen berechnen kann.  

Die Idee des gemeinwohlorientierten Wirtschaftens ist nicht neu und mittlerweile auch bekannt. Sie ist zum Teil sogar im Grundgesetz fest geschrieben. Die 2,7 Tonnen Regelung muss weltweit gelten, um gerechte Bedingungen für alle Völker zu schaffen. Niemand, der respekt- und würdevoll leben will, kann sie ignorieren. Menschen in Industriestaaten müssen verzichten, damit die Bevölkerung in Schwellen- und Entwicklungsländern menschenwürdige Lebensstandards erreichen. Alle sollen bekommen, was sie brauchen. Das ist die Art Verschwendung, die Zufriedenheit und Gefallen ins Leben Aller bringt.

Die Vision der Flugmaschine, die Leonardo da Vinci einst hatte, wird immer wieder als Ideal moderner Fortbewegung instrumentalisiert. Aber der ursprüngliche Traum vom Fliegen hat sich gerade in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Alptraum entwickelt. Der Flugverkehr nimmt zu. Der Erfinder und Künstler ahnte damals nicht, welches Zerstörungspotential die Antriebsmethode für seine Erfindung an der Natur üben würde. Zu viele Leute setzten sich regelmäßig in Flugzeuge, reisen für kurze Zeit an ferne Ziele zu und lassen sich Tag für Tag mit unzähligen Tonnen luxuriöser Waren beliefern. So anmutig und ausbalanciert hunderttausende von Passagier- und Transportflugzeugen beim Abheben und Landen auch wirken mögen, die exzessive Nutzung zu wirtschaftlichen Zwecken zeugt von einem geistlosen Umgang mit der Zukunft. Die Bedürfnisse konsumgeiler Massen können durch die Globalisierung niemals gestillt werden. Es muss jedem klar sein, dass das Ausmaß der Emissionen ein Ungleichgewicht in der Natur schafft, das Folgegenerationen nicht gefallen wird. Egal ob man heute First-Class, Economy oder ein Green Ticket bucht, in der Zukunft werden sie alle Loser-Class Tickets sein.

Reisen zu sich selbst können abenteuerlich sein. Wer immer noch meint, unbedingt fliegen zu müssen, soll doch bitte sein Erspartes verschwenden, dem Weltraumtourismus nutzen und für immer verschwinden. Leute, denen das nicht genug gefällt, sollten für einen Flug mit dem Jet, etwa von Frankfurt nach New York, in Zukunft das Jahresgehalt eines Abteilungsleiters zahlen müssen. Flüge in Langstrecken-Seglern hingegen, die mit Solarenergie auf Höhe gebracht werden, sollte sich jeder leisten können. Hier wäre eine kreative Industrie gefragt, die große Flugsegler entwickelt, mit denen sich nun mal keine Rekordgewinne erzielen lassen. Niemand muss darauf warten, bis sich die Ökonomie, deren Hauptanliegen es ist, nicht vorhandenes Wachstum zu propagieren, von alleine abschafft.

Posted on November 18, 2014 .