MOBILITÄT FÄHRT SLALOM (TEIL 3)

3. Teure Mobilität und Fahrräder braucht die Welt

Die wahre Leistung der Autoindustrie besteht weniger in der Produktion von Autos, als vielmehr in dem Irrgauben, die Welt brauche sie.  Etwa 28.000 Euro kostet ein Auto durchschnittlich beim Neukauf. Zum Zeitpunkt, wenn es seinen Geist aufgibt, wird es diesen Betrag mehrfach zusätzlich gekostet haben. Die Neupreise von Autos sollten sich alleine aufgrund ihrer Ineffektivität und fehlenden Originalität mindestens verfünffachen. Autos mit alternativen Antriebsystemen wie Elektromotoren oder neuartigen Brennstoffzellen bieten auch keine wirklichen Lösungen für nachhaltige Mobilität. Sie sind zusätzliche Probleme weil jeder Versuch, Lösungen zu finden, neue unüberschaubare Probleme verursacht. Was vorschnell als „Lösung“ betrachtet wird, ist meistens keine, da sie nicht langfristig erprobt wurde. Fast nichts von dem, was von der Industrie und Werbung im Zusammenhang mit Mobilität regelrecht zwanghaft als Innovation bezeichnet wird, ist tatsächlich innovativ. Die meisten technischen „Erfindungen“ sind doch eher unnötige Gimmicks. Soziale Komponenten, die sie innovativ machen könnten, fehlen gänzlich. Weniger Mobilität, die teuer sein muss und mehr Bewegung: Das sind anstrebenswerte Lösungen.

Selbst wenn die Menschheit eins ihrer Hauptprobleme, das Bevölkerungswachstum, nicht in den Griff bekäme: Fahrräder würden - außer sie sind billig - nicht zum Problem werden. Wer Fahrrad fährt, tut sich, der Umwelt und den Menschen etwas Gutes. Egal wie viel man fährt. Das wird immer so bleiben und das macht es so interessant. Damit Fahrrad fahren mehr Wertschätzung erfährt, muss es also nicht billiger, sondern viel teurer werden. Teure Lastenräder können sich mehrere Leute gut teilen. Nicht jeder muss eins haben.

Die Qualität von Fahrradrahmen und -komponenten bei Massenwaren hat ab den 80er Jahren stetig nachgelassen. Im vergangenen Jahr erschien eine Schundmarke auf dem Markt, die ganze 60 Tage Gewährleistung auf die beweglichen Teile ihrer Zweiräder bietet. Dass jemand für hässlichen neuen Müll Geld ausgibt, ist interessant. Im Grunde ist es Betrug, ein Zweirad, das nach wenigen Wochen zum Stehrad wird, Fahrrad zu nennen. Hoffentlich ist der Höhepunkt der Billigproduktion endlich erreicht.

Zwischen 150 Euro für ein Billigrad bis etwa 6.000 Euro für eine Sonderanfertigung gibt man heute für ein neues Rad aus. Die Qualität spielt beim Kauf eines Fahrrades für die meisten Käufer eine untergeordnete Rolle, halten soll es aber gefälligst trotzdem. Natürlich tut es das nicht. Wer dann dem Fahrrad die Schuld dafür gibt, trennt sich leicht davon. Ein kurzer Ausflug zu einem der vielen kleinen Popup-Fahrradfriedhöfe in den Strassen genügt. Dort kann man es leicht zu anderen Billigrädern dazu legen. Die instabilen Haufen wachsen immer schneller. Die Aufräumkommandos werden aber nicht Herr der Lage. Es genügt eben nicht, den minderwertigen Schrott bloß abzutransportieren. Die Produktion von neuem Schrott muss gestoppt werden. Die meisten neu gekauften Räder fahren nicht länger als zwei Jahre. Eine kurze Zeit, gemessen am aktuellen Durchschnittspreis von etwa 500 Euro.

500 Euro. Dafür arbeiten sehr viele Menschen immerhin eine Woche und haben am Ende des Monats nichts auf die Seite gelegt. In den 50er-70er Jahren kosteten hochwertige Fahrräder zwischen 400 und 1.000 Mark. Damals sparten die Käufer oft lange dafür, was den Vorteil hatte, dass es wertgeschätzt wurde. Fahrräder wurden gepflegt und viele Besitzer fuhren damit täglich zwanzig Kilometer und mehr. Einige Klassiker fahren heute noch, ohne größere Investitionen in defekte oder verschlissene Teile.

Was macht nun der Preis und den Wert eines Fahrrades in einer zukunftsfähigen Welt aus? Niedrig- und Schnäppchenjägerpreise werden es nicht schaffen, die Wertschätzung für Fahrräder zu steigern. Was billig ist, verliert schnell seinen Reiz. Also müssen Fahrräder teurer werden und entsprechend gut ausgestattet sein. Der Kaufpreis für ein gutes Fahrrad sollte sich auf lange Sicht dem Preis eines Autos nähern. Wenn sie zunächst 2.000 Euro kosteten, müsste das der Welt gefallen. Wem es gefällt, täglich Kleidung, Schmuck und Accessoires im Wert von 2.000 Euro und mehr an und mit sich zu tragen, dem müsste auch daran gelegen sein, das gleiche für ein nachhaltiges Fahrrad zu verschwenden. Es durchfährt die kommenden Dekaden bei entsprechender Pflege ohne größere Zusatzkosten. Wer sich die Kosten fürs Falschparken vom Auto spart - zweihundert Euro für ein Ticket wären angemessen - kann sich dafür bald ein Fahrrad zulegen.  

Der zeitliche Aufwand für eines unserer Räder liegt bei durchschnittlich zwanzig Stunden. Unser Verdienst liegt unter dem, was Autoreparaturwerkstätten berechnen. Profitgier kann man uns also nicht gerade unterstellen. Da es mehr sexy ist, Fahrräder statt Autos in Stand zu halten, werden wir unser Honorar langsam auf das Niveau von Kraftfahrzeug- und Flugzeugmechanikern anheben. Bessere Lösungen müssen ihren Preis haben.

Bei einem Anschaffungspreis von 2.000 Euro für ein tolles Fahrrad darf man schon etwas Besonderes erwarten, also bestimmt kein Massenprodukt. Gängige Hersteller können für dieses Geld keine individuellen Räder bauen. Kleine Manufakturen schon. Sie bauen Unikate aus robusten Originalteilen und erhalten so auch eine Kultur für Qualität und Handarbeit. Wer ein Traumrad wünscht, sollte sein Geld für restaurierte Räder ausgeben. Mit demonstrativer Verschwendung und Geltungskonsum hat das nichts zu tun!

Samstag Rad steht gegen das ständige Erfordernis der Fahrradbranche, technische Neuerungen hervor zu bringen. In den uns zur Verfügung stehenden Materialien steckt bereits so viel Expertise, dass wir unser Konzept selbstbewusst vertreten können. Wer wirklich etwas Neues und Anderes erleben will, kann sein Fahrrad auch selbst bauen. Workshops mit technischer und künstlerischer Anleitung bieten wir bereits an.

Oft argumentieren Leute gegen den Erwerb eines hochwertigen Rades, obwohl sie behaupten, gerne eins haben zu wollen. Der Grund: Es könnte gestohlen werden. Wer zu bequem ist, sein Rad mit in die Wohnung und ins Büro zu nehmen, oder es mit einem sehr guten Schloss auszustatten und sicher abzustellen, dem helfen keine guten Ratschläge. Seit einiger Zeit gibt es aber sogar für diese Starrköpfe eine „Lösung“: Sie können ihr Rad dauerhaft mit einem Mikrochip bestücken. So lässt es sich leichter wieder finden wenn es weg ist.    

Tauschgeschäfte mit Menschen, die sich unsere Räder nur schwer leisten können, begrüßen wir, sofern wir die angebotenen Produkte und Dienstleistungen selbst sinnvoll verschwenden können. Für diese Art der Partnerschaft sind Zeiteinheiten die Berechnungsgrundlage. Die gegenseitig erbrachten Arbeiten werden gleichwertig, etwa Arbeitsstunde gegen Arbeitsstunde, honoriert. So können sich Manche ein gutes Rad leisten und wir vielleicht etwas, das wir uns sonst nicht erlauben könnten.

Indem wir auf Überfluss verzichten, gewinnen wir wiederum Neues und können es verschwenden. Was dem Planeten gehört, muss im Sinn der Nachhaltigkeit behandelt werden, damit auch nachfolgende Generationen genug haben. Es geht nicht um die Bedürfnisse von Einzelnen. Es geht um ganze Spezies, um Respekt vor dem Ursprung des Lebens und um einen achtsamen und bewussten Umgang mit der Natur!

Christopher Lewis

Gründer von Samstag Rad

Posted on November 24, 2014 .