Baustelle Erde, Baustelle Mensch

Text: Christopher Lewis                  Fotos: Axel Öland

 

Wenn Mauern fallen, politische Systeme zusammenbrechen und aus Trümmern wieder Gebäude errichtet werden, wollen viele Menschen glauben, dass sowohl neue physische als auch geistige Räume entstehen. Leider bringt nicht jeder Abriss Besserung, geschweige denn etwas Sinnvolles mit sich. Oft wäre es besser, Bestehendes zu erhalten, manches auszutauschen und es so zu optimieren. Ein Prinzip, das in Friedens- wie in Kriegszeiten gleichermaßen Geltung hat.

Ob es sich bei den folgenden Fotos um eine friedliche Baustelle oder einen Kriegsschauplatz handelt, soll zunächst keine Rolle spielen. Sehr wahrscheinlich wurde die dargestellte Zerstörung bewusst herbeigeführt. Ob durch eine Abrissbirne, ein herabstürzendes Flugzeug oder Raketen, weiß der Betrachter nicht. Jedenfalls ist eine „Baustelle“ entstanden. Es gibt etwas zu tun und irgendwann wird aufgeräumt. Wann, das hängt entscheidend von der Bereitschaft von Menschen ab, etwas zu erneuern. Mehr noch hängt es aber von der sogenannten wirtschaftlichen Lage ab. Von Investitionen. Dass es sich dabei meistens um undurchsichtige Geschäfte handelt, bei denen es weniger um das Gemeinwohl von Menschen als um Profite und Machtausbau von wenigen geht, ist ein Dilemma weltweit. Mittlerweile haben das zwar alle mitbekommen, dennoch ist nur eine Minderheit bereit, Verantwortung zu übernehmen und Alternativen aktiv umzusetzen. Scheinbar hat die Mehrheit sich damit abgefunden, dass es gar nicht um sie geht.

Solange es Menschen nicht um den Respekt vor dem Leben im Großen und Ganzen geht, muss es ihnen um etwas anderes gehen. Aufgrund dessen sind auf den Fotos keine Leute abgebildet. Und da Abbildungen, die lediglich Trümmer zeigen, wenige relevante bis keine Fragen aufwerfen, wurde als Platzhalter für den Menschen symbolisch ein Fahrrad gewählt. Genauer gesagt, ein restauriertes italienisches Rennrad. Mit diesem könnte fast jeder, der sich mit Balance auf zwei Rädern auskennt, sich frei und unabhängig bewegen und sportlich in alle möglichen, auch neue Richtungen lenken. Beispielsweise, um an der Gestaltung einer Wirtschaft nach ethischen Kriterien mitzuwirken.

Natürlich entsteht nicht überall, wo konstruiert wird, wirklich etwas, auf dem man langfristig und für die Zukunft aufbauen könnte. Gute Chancen werden leider oft vergeben. Etwa wenn eine alte Lagerhalle mit guter Bausubstanz abgerissen wird, die zu einer ungewöhnlichen Kindertagesstätte hätte umgebaut werden können. Aber weil damit kein Geld verdient wäre, bauen Investoren eine Immobilie, in der sich die Filiale eines Billigriesen für Klamotten wohlfühlt. T-Shirts für drei Euro, so wird das Label Fairtrade gleich mit plattgemacht. Das Schicksal meint es gut mit den Horden konsumsüchtiger Teenies, die sich vielleicht schon bald täglich Tonnen chemieverseuchter Wegwerfmode leisten „dürfen“. Und das Argument, Asylanten müssten schließlich auch etwas anziehen, zieht. Neubauten wie diese zeugen von einem Höchstmaß an Zynismus seitens aller Befürworter und Beteiligten des Baus.

Mindestens ebenso zynisch ist, dass fast alle der mehreren Tausend Teilnehmer der kommenden Weltklimakonferenz wieder mit dem Flugzeug und dem Auto nach Paris reisen werden. Das gleiche Spiel wie bei allen vorherigen Konferenzen. Mehrere Tage lang werden hochrangige Regierungsvertreter zwischen den Essenspausen über politisch gewichtige Trümmerhaufen lamentieren und versprechen, alles Notwendige zu tun, um vereinbarte Klimaziele zu erreichen. Sie werden lügen, denn den Interessen der den Planeten vertretenden NGOs stehen freilich in erster Linie wirtschaftliche Ziele gegenüber, und die müssen, ja wollen – alleine schon aufgrund geschickt ausgehandelter Klagemöglichkeiten von Konzernen – um jeden Preis erreicht werden. Dafür sorgen die Lobbyisten. Längst vereinbarte Klimaziele werden also, wie schon zuvor, verschoben und höchstwahrscheinlich auf der Strecke bleiben.

Moralisch betrachtet macht es bereits heute kaum einen Unterschied, ob Zerstörung durch Raketen oder wütende Tornados stattfindet. Seit Bekanntwerden der Effekte des Klimawandels sind im Grunde alle durch sogenannte Naturkatastrophen entstehenden Schäden bewusst von Menschen herbeigeführt. Dahinter steht ein ausbeuterisches Kollektiv uneingeschränkt konsumierender Klimawandelkritiker, die aufgrund stumpfsinniger Gewohnheiten auf nichts verzichten wollen. Alleine für diese Fähigkeit verdienen sie es, sich täglich mit unnützen Dingen zu belohnen.

Wir dürfen alle gespannt sein auf die Gesichter der Ausbeuter, wenn die Natur sich zurückholt, was eigentlich ihr gehört. Vielleicht sind die TISAs, CETAs & Co. bloß die perverse Vorstufe zu einer Weltordnung, in der man sie, die Natur, auf Schadenersatz verklagen kann. So ließe sich, völlig legal, endlich eine Welt schaffen, in der niemand schuldig ist: ein perfektes System, in dem Menschen sich selbst abschaffen, weil sie überflüssig sind. Wozu also, außer als Nachweis krankhafter Selbstüberschätzung, sollte man sie überhaupt auf Fotos abbilden, wenn es am Ende nie um Menschen ging?


Posted on November 23, 2015 .