Und wie krieg ich den Schlauch jetzt da rein?

Vor einigen Monaten kam ein sympathischer junger Mann mit einem Platten an seinem Rennrad in unsere Manufaktur und bat um Mithilfe. Den Schaden wollte der etwa zwanzigjährige Student der Betriebswirtschaft selbst beheben. Er sagte, es sei das erste Mal, dass er so was mache.

Ich gab ihm einen neuen Schlauch, das notwendige Werkzeug und erklärte ihm, wie er vorzugehen hatte. Der Mann mit schmächtiger Statur war entschlossen, es alleine zu schaffen. Also ließ ich den Mutigen einige Meter entfernt machen. Bald hörte ich ihn schnaufen, zuweilen verlieh er seiner Anstrengung auch verbalen Ausdruck: Ähh...ach...pfff...Mann! Einen Reifen abziehen, Schläuche austauschen und den Reifen wieder aufbringen, das kann man leicht in wenigen Minuten schaffen. Bei dem jungen Mann dauerte es fast vierzig Minuten bis er mir verschwitzt das Ergebnis präsentierte. „Sieht gut aus“ sagte ich beim ersten Hinsehen. Er nickte und machte einen äußerst zufriedenen Eindruck.

Dann entdeckte ich, dass beide, der alte und der neue Schlauch zu seinen Füßen lagen. Erst dachte ich, er hätte ihn vergessen, aber dann fragte er erwartungsvoll „Wie krieg ich denn den Schlauch jetzt da rein?“ Verdutzt fragte ich „Was glaubst du?“ Er dachte nach, konnte es sich aber nicht vorstellen. Dass zwischen Laufrad und eng anliegendem Reifen nicht genug Platz dafür war, leuchtete ihm nach angestrengter Prüfung zwar ein. Trotzdem dauerte es einige Zeit, bis er einsah, dass der Reihenfolge seiner Arbeitsschritte etwas fehlte. Er war überzeugt, dass er fast alles richtig gemacht hatte und das genügte ihm. Weil er keine Zeit für einen erneuten Anlauf hatte, nahm er sein Rad und verschwand auf immer.

Einige Wochen später begutachtete ich die schönen neuen Reifen eines Bekannten, die er online bestellt und zu Hause montiert hatte. Mir fiel der junge Rennradbesitzer mit der unbeendeten „Reparatur“ wieder ein und ich erzählte von ihm. Plötzlich kam ich darauf, woran er gescheitert war: Er hatte nicht zwischen analog und digital unterschieden. Er wollte ein Problem, den defekten Schlauch, durch die Funktion des Einfügens beheben. Wie beim Austausch von Daten zwischen Dateien. Copy and Paste. Das ist im Fall mit dem Schlauch zwar einfach gedacht, aber nicht durchdacht.

Zu argumentieren, es handele sich hierbei um mangelndes technisches Verständnis, trifft es nicht wirklich. Es geht um viel mehr. Menschen, die daran gewöhnt sind, Probleme am Computer lösen, haben oft wenig bis kein Verständnis für analoge Dinge. Egal wie begabt oder intelligent sie in der Theorie sein mögen, in der Praxis sind sie unbeholfen, mitunter sogar geradezu blöd. Mittlerweile machen sich die versäumten Handarbeits- und Reparaturkurse in Schulen bei vielen jungen Leuten bemerkbar. Im digitalen Überfluss geht erlebnisnahe Praxis verloren und wird gegen unfassbare Virtualität ausgetauscht. Menschen, die ihre Welt durch gläserne Bildschirme wahrnehmen verkümmern und entfremden sich zunehmend von der Natur der Dinge.

Für all jene, die sich pädagogisch benachteiligt fühlen weil sie am Werken nicht teilnehmen wollten oder durften, haben wir uns bei Samstag Rad etwas einfallen lassen:

Analoge Funktionen und Probleme begreifen bei einem Radbau Workshop...learning by doing, privat oder geschäftlich.

Wir freuen uns jetzt schon auf originelle Lösungsansätze von Teilnehmern.

 

P.S. Interessierte können sich auf Anfrage unter info@samstag-rad.de gerne unsere Online-Broschüre im pdf Format zukommen lassen.

 

 

 

 

Posted on May 30, 2015 .