Bewegende White Box

Text: Miriam Kuhnke              Fotos: Axel Öland

 

Wenn ich mit meinen Füßen in die Pedale trete, dann setze ich die Kurbel in Gang, welche wiederum mit ihren Zähnen die Kette in Bewegung setzt. Die Kette wiederum versetzt durch Übertragen der Kraft auf den Zahnkranz das Laufrad in Drehung. Das Rad fährt…

Wenn ich andererseits den am Lenker befindlichen Bremshebel ziehe, überträgt sich diese Energie auf einen Draht, durch den sich zwei Gummiklötze auf den Rand des Laufrades pressen. Das Rad kommt zum Stopp.

Die grundlegende Technik eines typischen Fahrrades in wenigen Worten dargestellt. Die einfache Technik eines Fahrrads kann eigentlich jeder durch aufmerksame Beobachtung nachvollziehen und verstehen. Wie faszinierend ist das denn?

In einer Welt mit wachsender Komplexität tritt dieses Phänomen immer seltener auf. Die Anzahl technischer Gerätschaften in unserem direkten Umfeld steigt und wir können uns ein Leben ohne sie immer weniger vorstellen. Auch und obwohl wir immer weniger in der Lage sind, diese Geräte und ihr Innenleben zu verstehen. Das beste Beispiel ist wohl das Smartphone als unser ständiger Begleiter. Es begleitet uns fast den ganzen Tag und soll uns mit vielen kleinen Apps in allen Lebensbereichen entlasten: Sei es, um mit der Außenwelt zu kommunizieren, sich schnell zu informieren, den richtigen Weg zu finden oder damit wir uns an Dinge erinnern. Es ist zu unserem „zweiten Ich“ geworden, als Unterstützung für den Körper, den Geist und so manche Seele. Doch was ist, wenn es selbst plötzlich seinen Geist aufgibt und keinen Mucks mehr macht, egal welchen Knopf wir drücken? Hilflosigkeit. Drama. Stress. Das Smartphone ist zum ständigen Berater und Unterstützer geworden und darauf verlassen wir uns. Doch wer kennt sich schon mit dem Innenleben und der Funktionsweise dieser kleinen Black-Boxes aus? Kaum jemand ist bei einer Störung in der Lage, die Technik und das, was in den Geräten geschieht, nachzuvollziehen oder gar zu reparieren. Vielen reicht das für einen Neukauf.

Black Boxen umgeben uns aber nicht nur bei technischen Geräten, die ihr Innenleben aufgrund der starken Komplexitätszunahme nur wenigen Menschen offenbaren. In der ganzen Welt lassen sich die Funktionsweisen und Verbindungen der verschiedensten Prozesse immer weniger einsehen, geschweige denn verstehen. Etwa in ökonomischen, politischen, ökologischen oder sozialen Prozessen. Denn mittlerweile hängt irgendwie fast alles miteinander zusammen. Man erinnere sich nur an die Finanzkrise, als eine geplatzte Immobilienblase in den USA die Welt in eine ökonomische und finanzielle Krise gestürzt hat. Aufgrund der unübersichtlichen Vernetzung von Banken. Ebenso widersprüchlich wie undurchschaubar sind die „richtigen“ Maßnahmen im Umgang mit dem Klimawandel: Alles zu komplex für den Einzelnen. Und daher ist es unmöglich, Auswirkungen oder Reaktionen vorauszusagen, wenn an einem bestimmten Rädchen im Prozess gedreht wird. Niemand kennt sich mehr aus. Im Grunde sind wir alle geprägt von einer Ohnmacht der Machtlosigkeit und schlängeln uns von einem alternativlosen Weg zum Nächsten. Die Balance ist in vielerlei Hinsicht verloren gegangen.

Ganz anders verhält es sich mit unserem treuen Fortbewegungsmittel, dem Fahrrad. Wenn wir darauf fahren ist die Balance auf wunderbare Weise wie von alleine hergestellt. Es ist wie eine Art verlängerte Beine und Arme für uns. Es steigert unsere Möglichkeiten mobil zu sein auf eine sehr angenehme Weise und bringt unser Leben ins Rollen. Anders als die undurchschaubare Black Box, die nur An oder Aus kennt, ähnelt das Fahrrad einer transparenten White Box. Das dafür notwendige technische Wissen erschließt sich fast jedem durch ausführliches Beobachten.

Ein Fahrrad auseinanderzunehmen, zu analysieren, es wieder zusammenzubauen und ihm als Unikat eine individuelle Form zu schenken, gibt uns ein Gefühl dafür, die Dinge in die Hand zu nehmen und zu steuern.

Auf einfachste Weise begreifen wir die wesentlichen Elemente, um etwas zu bewegen:

Den Ort, wo die Energie eingespeist werden kann - die Pedale.

Das System, wo die Energie in Bewegung gesetzt wird - das Tretlager.

Den Bereich, wo die Richtung der Bewegung bestimmt wird - der Lenker.

Das Zusammenspiel, das die Bewegung ins Umfeld setzt - die Laufräder.

Die Stelle, wo die Dynamik reduziert oder auch gestoppt werden kann - die Bremsen.

Und damit bietet der Bau eines Fahrrades als White Box die Möglichkeit, sich wieder auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren. Ob wir damit auf lange Sicht für das Fahrrad gar die Türen in den White Cube öffnen, können wir noch nicht wissen.    

Posted on September 1, 2015 .